Königswinter-Oberdollendorf (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für Königswinter Oberdollendorf ist heute ein Stadtteil der Stadt Königswinter im Rhein-Sieg-Kreis – rechtsrheinisch ca. zehn Kilometer südlich von Bonn gelegen (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Vermutlich lebte Mitte des 12.Jahrhunderts mindestens eine jüdische Familie in Königswinter; weitere urkundliche Belege über die Ansiedlung von wenigen Juden in Königswinter stammen aus den 1220er Jahren. Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts sind dann erneut Juden in Königswinter bezeugt, die ihren Lebensunterhalt im Geldhandel und -wechsel verdienten. Vermutlich bestand zu dieser Zeit eine kleine jüdische Gemeinde mit einem Rabbiner an der Spitze. Spätestens gegen Ende des 16.Jahrhunderts bildete sich wieder eine neue winzige Gemeinde. Der im 16. Jahrhundert in unmittelbarer Rheinnähe angelegte jüdische Friedhof in Königswinter diente auch der Aufnahme Verstorbener aus Oberdollendorf, heute Ortsteil von Königswinter.

Ein Synagogenraum befand sich seit 1754 im Obergeschoss eines Privathauses in der Hauptstraße 156; seit 1812 nutzte man einen Raum im Hause des Lazarus Moyses in der Alten Winkelgasse ("In der Hötte"); dieser wurde von allen Juden der Bürgermeisterei Oberkassel als Sakralraum bis zur Einweihung der neuen Synagoge 1872 in der Heisterbacher Straße in Oberdollendorf benutzt. Die Finanzierung des neuen Gotteshauses erfolgte mit Hilfe des Nachlasses einer verstorbenen Jüdin.

In einem Bericht der „Bonner Zeitung” vom 11.4.1872 hieß es u.a.:

Die Einweihung der neuen Synagoge in Oberdollendorf

Es war uns vergönnt, Theilnehmer eines schönen, Herz und Gemüth erhebenden Festes zu sein, nämlich der Einweihung der neuen Synagoge zu Oberdollendorf. Dieses auch in architektonischer Hinsicht vortrefflich ausgeführte Gebäude verdankt seine Entstehung dem letzten Vermächtniß einer wohlgesinnten Frau. ... Von günstigem Wetter herbeigezogen, hatte sich eine große Anzahl Theilnehmer eingefunden, die sich vor der alten Synagoge versammelten. Von hier aus wurden ... die Thoras zur neuen Synagoge getragen. Dort hielt nach den üblichen Ceremonien Dr. Wolfson aus Aachen die Festpredigt, eine kurze, doch kräftige Ansprache, in der er nächst der Bedeutung des Festes die Toleranz und Bildung der Neuzeit im Gegensatz zur Barbarei des Mittelalters hervorhob. - Der folgende Tag begann ebenfalls mit einer Feier in der Synagoge. ... Der Rest des Tages war dem geselligen Vergnügen gewidmet ...

                         Modell der Synagoge in Oberdollendorf (Aufn. Virtuelles Brückenhofmuseum)    

Die beiden jüdischen Gemeinden Königswinter und Oberdollendorf wurden im Jahre 1906 vereinigt; diese Zusammenlegung war notwendig geworden, da wegen der seit Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Abwanderung besonders die Zahl der Königswinterer Gemeindemitglieder erheblich zurückgegangen war; zudem war eine deutliche Überalterung festzustellen.

Juden in Königswinter*:

        --- 1816 ..........................      (58) Juden,

    --- 1846 ..........................  131        “  ,

    --- 1854 ..........................  117 (42)   “  ,

    --- 1860 ..........................  103 (36)   “  ,

    --- 1869 ..........................  128 (36)   “  ,

    --- 1878 ..........................  115 (42)   “  ,

    --- 1888 ..........................   78 (22)   “  ,

    --- 1901 ..........................   60 (15)   “  ,

    --- 1911 ..........................   37 (11)   “  ,

    --- 1928 ..........................   52 (12)   “  ,

    --- 1933 ..........................   42 ( 9)   “  .**

* incl. Oberdollendorf, Niederdollendorf und Oberpleis, in ( ) nur die von Königswinter

** allein 25 Personen lebten in Oberdollendorf

Angaben aus: Manfred van Rey, Leben und Sterben unserer jüdischen Mitbürger in Königswinter, S. 68/69

und                 Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Reg.bez. Köln, S. 528

Ihren Lebenserwerb bestritten die wenigen jüdischen Familien als Kleinkaufleute und Metzger. In Königswinter lebten zu Beginn der NS-Zeit nur noch drei jüdische Familien, in Oberdollendorf waren es nur einige mehr. Dies war sicherlich auch der Grund dafür, dass es am 1.4.1933 zu keinen Boykottmaßnahmen kam. Die Synagoge war bereits Monate zuvor aufgegeben worden. Aus einem Artikel im „Echo des Siebengebirges” von Ende März 1933:

„ ... Wer in Königswinter kennt sie und weiß, wo sie steht ? Es sind gewiß nur ganz wenige Königswinterer, die die Synagoge jemals gesehen haben. Mit dieser Synagoge hatte es stets eine eigene Bewandtnis. Der Grund und Boden ... sowie der Unterbau gehört dem Eigentümer des Hauses Hauptstraße 156, der Frau Ww. Theodor Weber, und nur der Oberbau ist jüdisches Eigentum. ... Nachdem die hiesige jüdische Gemeinde bis auf wenige Mitglieder zurückgegangen ist, wurde hierorts kein jüdischer Gottesdienst mehr gehalten, und die Synagoge verfiel dem Zahn der Zeit, sie wurde dann baufällig und mußte abgetragen werden. ... Die innere Einrichtung ist zum größten Teil nach Siegburg gewandert, doch hat Herr Albert Cahn aus Liebe zu seiner Vaterstadt dafür gesorgt, daß das hiesige Heimatmuseum nicht ohne Andenken an die Synagoge geblieben ist. “

Der jüdische Friedhof in Königswinter wurde 1934/1935 auf Antrag der NS-Behörden geschlossen. Doch blieb dieser während der NS-Zeit bestehen - allerdings durften hier keine Beerdigungen mehr vorgenommen werden.

Die Inneneinrichtung der Synagoge in Oberdollendorf wurde in der Nacht vom 10./11.November 1938 zerstört; der Versuch, das Gebäude in Brand zu setzen, scheiterte. Bereits im Vorfeld des Novemberpogroms hatten im Sommer 1938 NSDAP-Angehörige Scheiben mit Pflastersteinen eingeworfen und Hauswände beschmiert. Das Synagogengebäude wurde im Dezember 1938 abgerissen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wohnten noch vier jüdische Personen in der Stadt; zwei wurden nachweislich Opfer der Shoa.

File:Oberdollendorf Heisterbacher Straße Gedenktafel Synagoge.jpg Am ehemaligen Standort der Synagoge in Oberdollendorf erinnert seit 1981 eine Gedenktafel (Aufn. Leit, 2015, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0) an die jüdischen Opfer der NS-Zeit mit der folgenden Inschrift:

Zum Gedenken an alle durch die Gewaltherrschaft ums Leben gekommenen jüdischen Mitbürger

und an die Synagoge Oberdollendorf,

die bis zur Zerstörung am 9.11.1938 durch die Nationalsozialisten hier gestanden hat.

Stadt Königswinter   -   November 1981

Am Rathaus der Stadt Königswinter wurde 1993 eine Gedenktafel mit folgendem Wortlaut angebracht:

Die Stadt Königswinter gedenkt der Mitbürgerinnen und Mitbürger,

die zwischen 1933 und 1945 während der nationalsozialistischen Diktatur

aus politischen, religiösen oder rassischen Gründen verfolgt, geschändet, ermordet oder vertrieben wurden.

Zur Mahnung an die Lebenden, gegen Unrecht einzutreten und die Würde des Menschen zu verteidigen.

Der jüdische Friedhof in der Clemens-August-Straße/Rheinallee, der seit 1993 in die Denkmalliste eingetragen ist, weist heute noch ca. 80 Grabsteine auf.

Ältere Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Königswinter (Aufn. GFreihalter, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

2007 wurde mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ begonnen.

Stolpersteins Moritz 'Moses' Baehr, Settchen 'Sara' Baehr, Friedenstraße 5, Königswinter-Oberdollendorf.jpg Stolpersteins Cohn Family, 8 of them, Plätzer Weg 10, Königswinter-Quirrenbach.jpg  

Stolpersteine“ in der Friedenstraße und Plätzer Weg (Aufn. J.Schugt, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Oberpleis – heute auch ein Stadtteil von Königswinter - existierte seit Anfang der 1790er Jahre ein Betraum, der von Juden aus Oberpleis und Ittenbach aufgesucht wurde. Mitte des 19.Jahrhunderts entstand die Spezialsynagogengemeinde Oberpleis, die dann seit 1863/1864 zur Synagogengemeinde des Siegkreises gehörte. Als die Zahl der Angehörigen der ohnehin schon kleinen Gemeinde in den 1870/1880er abnahm, schlossen sich die verbliebenen Juden der Gemeinde Hennef-Geistingen an. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren alle jüdischen Bewohner abgewandert bzw. verstorben; erst nach dem Ersten Weltkrieg fanden wieder Zuzüge einiger jüdischer Familien statt; um 1930 sollen im Ort ca. 25 Juden gelebt haben.

Weitere Informationen:

Manfred van Rey, Zur Geschichte der jüdischen Einwohner Königswinters, in: Heinrich Linn, Juden an Rhein und Sieg. Ausstellung des Archivs des Rhein-Sieg-Kreises, Siegburg 1983, S. 320 f.

Manfred van Rey, Leben und Sterben unserer jüdischen Mitbürger in Königswinter - Ein Buch des Gedenkens, Hrg. Stadt Königswinter, Königswinter in Geschichte und Gegenwart, Band 1, Königswinter 1985

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 527 - 532

Heinz Sturm-Godramstein, Juden in Königstein, hrg. vom Magistrat der Stadt Königstein, 1998

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 405/406

Jüdisches Leben in Königswinter’ – Sonderdruck zur Sonderausstellung 2006/2007 im Heimatmuseum Brückenhof

Kurt Roessler, Der Rabbi von Dollendorf – Die rheinischen Landjuden und der Dichter Guillaume Apollinaire 1901 - 1902, in: Beiheft zur Sonderausstellung „Jüdisches Leben in Königswinter“, Bornheim 2006

Jüdischer Friedhof in Königswinter – seine Geschichte belegt mit Foto und Dokumenten, hrg. vom Brückenhofmuseum

Liste der in Königswinter verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Königswinter

Virtuelles Brückenmuseum – Ein Internet-Geschichtsbuch und Archiv für Jedermann, online abrufbar unter: virtuellesbrueckenmuseum.de (mit div. Abb. der Synagoge)